28.5.2011_JN-Kundgebung am 28. Mai 2011 am Wiesbadener Hauptbahnhof

Am Samstag, den 28.Mai führten Nazis aus dem Spektrum der „Jungen Nationaldemokraten“ eine rassistische Kundgebung an prominenter Stelle in Wiesbaden durch. Trotz einer sehr kurzfristigen Mobilisierungszeit kam es zu lautstarken Gegenprotesten.
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Die Stadt Wiesbaden wollte sich in diesem Jahr die anstrengenden Diskussionen mit dem Wiesbadener Bündnis gegen Rechts wohl sparen und gab erst am Tag zuvor die Anmeldung der JN-Kundgebung bekannt. Bereits am 8.Mai 2010 wollten Neonazis am Hauptbahnhof in Wiesbaden marschieren und bekamen letztlich einen ganzen Stadtteil (Erbenheim) zur Verfügung gestellt. Schon damals stellten sich die Verhandlungen mit der Stadt als schwierig heraus, letztendlich wurde der Aufmarsch von einem martialischen Großaufgebot der Polizei durchgesetzt, wobei jeglicher Protest von vorne herein kriminalisiert und im gesamten Stadtteil Erbenheim unmöglich gemacht wurde.
Wie zuletzt bei einer Nazidemonstration in Berlin knüpfte auch die Stadt Wiesbaden an die Strategie an, möglichen Gegenprotest durch eine erst kurzfristige Bekanntgabe zu erschweren. Einen schweren Stand hatte die Mobilisierung außerdem durch die zeitgleich in Mainz und Frankfurt stattfindenden Anti-AKW-Demonstrationen.

Trotzdem kamen gut hundertfünfzig Nazigegner_innen ab 9 Uhr an den Hauptbahnhof, um dem menschenverachtenden Treiben der Jungen Nationaldemokraten Einhalt zu gebieten.
Diese knüpften an die tödliche Messerattacke auf einen jungen Mann auf dem Gelände der Hochschule Rhein-Main am letzten Wochenende an. Aus der Täterbeschreibung der Presse (erst „dunkelhäutig“, später in „dunkler Teint“ geändert) halluzinierten die Nazis dankbar ihrer rassistischen Ideologie folgend einen Fall von sogenannter „Ausländerkriminalität“. Zum wiederholten Male wurde so deutlich gemacht, wie leicht Nazis ideologische Anknüpfungspunkte finden, wenn, wie hier im Wiesbadener Tagblatt, eigene Ressentiments und rassistische Stereotype nicht hinterfragt und reflektiert werden und schlussendlich publiziert werden.
Bereits die geschlossene Anreise der Nazis wurde mit Protest bedacht. So wurde unter anderem ein vermutetes Ankunftsgleis symbolisch mit bedrucktem Absperrband („keine Stimme den Nazis“) „geschlossen“
Einige Teilnehmer_innen der Kundgebung verirrten sich vor Beginn ans andere Ende des Bahnhofvorplatzes und wurden dort von Gegendemonstrant_innen empfangen. Sie flüchteten sich in das nahegelegene Einkaufszentrum, wo sie sich hinter die Rücken der Securitys retteten, bis die Polizei sie zur Kundgebung eskortierte.
An der Kundgebung namen unter Anderen Ingo Helge und Mario Matthes teil. Der rheinland-pfälzische Nazi-Kader Matthes, der letztes Jahr noch durch die Anmeldung des Aufmarsches am 1. Mai in Schweinfurt von sich Reden machte, hatte sich dieses Jahr anscheinend entschlossen, kleinere Brötchen zu backen, und sich dem verspäteten Frühjahrsputz an „Gefallenendenkmälern“ gewidmet, der außerhalb der nationalen Szene keine Aufmerksamkeit erreicht hatte. Wenn er in Wiesbaden auf mehr Resonanz gehofft hatte, wurde er auch hier enttäuscht.

Während der Kundgebung fiel es den Nazis trotz Megaphon sichtlich schwer, sich gegen die Sprechchöre der Demonstrant_innen, die teilweise bis 15 Meter an sie herangekommen waren, durchzusetzen. Den wütenden und entschlossenen Sprechchören ist es auch zu verdanken, dass die menschenverachtende Botschaft der Redner wohl nur die danebenstehenden Polizist_innen und einige Reporter_innen erreichte.
Nach Ende der Kundgebung wurden die Nazis von einem schweren Polizei-Aufgebot zum Zug eskortiert. Kurz vor der Abreise griff ein Teilnehmer einen Gegendemonstranten mit einer Fahnenstange an, und wurde von der Polizei unsanft zu Boden gebracht, wobei er sich sich eine blutige Schläfe holte.
Die Nazis fuhren mit dem Zug zum Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel. Während sie dort von zahlreihen Polizeibeamt_innen auf dem Bahnhofsparkplatz festgehalten wurden, sammelten sich zeitgleich auf dem Bahnhofsvorplatz Atom-Gegner_innen für einen Sternmarsch. Deren hier schon gezeigtes Desinteresse an den Nazis wurde noch einmal offensichtlicher, als sich die Anti-AKW-Demo Richtung Mainz in Bewegung setzte: Abgesehen von einzelnen Unmutsbekundungen wurden die Nazis ignoriert, die ihrerseits noch einmal die Chance nutzten, per Megaphon und Sprechchören auf sich aufmerksam zu machen.

Kurze Zeit später machten sich die Nazis auf den Heimweg, und verschwanden, zunächst noch von der Polizei eskortiert, in Kleingruppen in Mainz-Kastel, wobei sie sich sichtlich Mühe gaben, den mittlerweile nachgereisten Antifaschist_innen aus dem Weg zu gehen.
Fazit: Wenn die Kundgebung ein Versuch der Nazis gewesen sein soll, in Wiesbaden Fuß zu fassen, dann ist er gründlich misslungen. Einmal mehr mussten sie einsehen, dass ein öffentliches Auftreten hier nur unter massivem Polizeischutz möglich ist. Die geringe Teilnehmer_innenzahl, die bis auf einige wenige bekannte Gesichter aus Wiesbaden und Taunusstein nur Zugereiste umfasste, macht deutlich, dass das Mobilisierungspotential der hessischen NPD, abgesehen von wenigen Großereignissen, verschwindend gering ist.
Dass es in Wiesbaden trotz der weniger als 24 Stunden dauernden Mobilisierung gelungen war, soviele junge wie ältere Menschen auf die Straße zu bringen, die auch noch in der Lage waren, die Nazis dauerhaft zu überstimmen, ist ein Erfolg. Sichtbar wurde auch, dass sich weiterhin viele Menschen nicht von der sog. „Wiebadener Linie“ der örtlichen Behörden, Nazi-Events und Aufmärsche kleinzureden oder zu verschweigen, beeindrucken lassen.


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